Das Whisky-Paradoxon
🏚️ Volle Lager – und trotzdem wird weiter gebrannt
Das (eigentlich ja: Der ;-) Whisky Loch entstand in den 1970er und 80er Jahren, als Schottland viel mehr Whisky produzierte, als der Markt aufnehmen konnte. Wiederholt sich die Geschichte? Denn auch heute gibt es volle Lager, hohe Bestände und eine Branche, die inzwischen auf die Bremse tritt.
Und die aktuellen Nachrichten aus Schottland machen die Sache nicht gerade beruhigender: Die Holyrood Distillery hat ihre Whiskyproduktion bis auf Weiteres komplett eingestellt. Mitgründer Rob Carpenter kann derzeit nicht sagen, wann die Brennblasen wieder in Betrieb gehen. Gleichzeitig hat die GlenWyvis Distillery angekündigt, ein Insolvenzverfahren einzuleiten. Beides noch sehr junge Destillerien (gegr. 2018 bzw. 2019).
Und nun kommt der Teil, bei dem man als Whiskyfreund kurz die Stirn runzelt: Während die etablierten Hersteller ihre Produktion (teilweise drastisch) zurückfahren, entstehen gleichzeitig neue Destillerien.
Neue Brennhäuser.
Neue Brennblasen, Mash Tuns, Washbacks, Spirit Safes …
Neue Lagerhäuser.
Neue Fässer.
Und jede Menge neuer Whisky, der zunächst einmal jahrelang herumliegen muss.
Klingt widersinnig? Ist es vielleicht auch ein bisschen. Aber bei genauerem Hinsehen steckt dahinter eine ziemlich interessante Logik.
🐢 Das Problem mit dem Whisky: Er ist langsam
Whisky hat gegenüber fast allen anderen Konsumgütern einen ziemlich eigenartigen Nachteil: Er lässt sich nicht mal eben für morgen produzieren.
Ein Smartphone, das heute niemand mehr kaufen möchte, kann man morgen getrost aus dem Sortiment nehmen. Bei Whisky funktioniert das nicht ganz so elegant.
Hat eine Destillerie heute ein Fass gefüllt, beginnt die Uhr zu laufen. Drei Jahre später darf sich der Inhalt überhaupt erst Scotch Whisky nennen. Für einen Single Malt, der ernst genommen werden möchte, vergehen häufig deutlich mehr Jahre.
Was heute entschieden wird, beeinflusst also einen Markt, der erst in vielen Jahren real existiert.
Oder anders gesagt: Die Whiskyindustrie muss heute auf einen Durst wetten, den sie erst in fünf, zehn oder zwanzig Jahren kennen wird.
🏗️ Und genau deshalb entstehen neue Destillerien
Die große Zahl neuer schottischer Brennereien ist deshalb nicht unbedingt ein Widerspruch zur aktuellen Marktschwäche.
Viele dieser Projekte wurden lange vor der heutigen Situation geplant, finanziert und gebaut. Zwischen der ersten Idee und dem ersten Fass liegt schließlich nicht selten ein halbes Jahrzehnt – manchmal deutlich mehr.
Außerdem verfolgen neue Destillerien häufig eine andere Strategie als die großen Konzerne. Sie wollen nicht unbedingt sofort Millionen Liter produzieren. Stattdessen setzen sie auf kleinere Mengen, besondere Gersten, ungewöhnliche Produktionsverfahren, bestimmte Fasskonzepte oder eine möglichst eigenständige Stilistik.
Der neue Whisky muss also nicht zwingend dort landen, wo bereits die größten
Lagerbestände liegen - er muss nur
eine eigene Nische finden.
🚀 Die neue Generation steht schon an der Startlinie
Und die Liste der jungen Destillerien ist inzwischen lang geworden (eine Auswahl findet sich am Ende dieses Berichts). Schottland erlebt seit Jahren eine regelrechte Renaissance des Brennens. Einige Namen sind inzwischen längst etabliert, andere stehen gerade erst am Anfang ihrer Geschichte.
Bothy in den Eastern Highlands nahm 2026 die Produktion auf. Laggan Bay wurde im selben Jahr zur elften Whisky produzierenden Destillerie auf Islay. Und ganz aktuell, im Oktober 2026, hat Kythe in Perthshire mit der Produktion begonnen.
Dazu kommen zahlreiche weitere junge Brennereien, die in den vergangenen Jahren ihre ersten Fässer gefüllt haben oder sich noch im Aufbau befinden. Die schottische Whiskylandschaft wird damit nicht nur größer – sie wird auch vielfältiger.
Und genau hier wird es spannend: Die neuen Destillerien müssen nicht zwangsläufig dieselben Fehler machen wie die großen Produzenten der Vergangenheit.
🔥 Kythe: Zurück in die Zukunft
Ein besonders schönes Beispiel liefert derzeit die Kythe Distillery. Dort hat man sich nicht vorgenommen, einfach noch einen weiteren Whisky auf den Markt zu werfen.
Kythe setzt bewusst auf historische Produktionsmethoden und versucht, Charakteristika des Whisky-Machens aus der Mitte des 20. Jahrhunderts wieder aufleben zu lassen.
Dazu gehören unter anderem historische Gerstensorten Statt der heute üblichen, auf hohe Ausbeute optimierten Destillationsgersten setzt die Brennerei aktuell auf die ertragsschwächere Braugerstensorte Maris Otter. Viel davon wächst direkt vor der Brennerei. Weitere historische Sorten sollen später folgen. und ein direkt mit Holz befeuerter Wash Still – eine Methode, die heute nur noch äußerst selten eingesetzt wird. Die geplante Jahresproduktion liegt bei rund 60.000 Litern reinen Alkohols (zum Vergleich: Glenfiddich liegt bei ca. 13 Millionen).
Besonders bemerkenswert ist dabei die Geduld: Die ersten Fässer wurden im Herbst 2026 gefüllt. Die erste Abfüllung soll voraussichtlich erst in etwa acht Jahren erscheinen – oder dann, wenn der Whisky nach Ansicht der Macher tatsächlich bereit ist.
Das ist Whiskyproduktion mit eingebautem Zeitraffer – nur leider ohne Zeitraffer.
🤔 Aber wer soll das alles trinken?
Genau hier liegt der Haken.
Wenn heute bereits große Lagerbestände vorhanden sind und die Nachfrage schwächelt, stellt sich natürlich die Frage, ob die Whiskywelt nicht gerade dabei ist, das nächste Überangebot zu produzieren.
Schließlich verschwindet der vorhandene Whisky nicht einfach aus den Lagerhäusern, nur weil daneben eine neue Destillerie eröffnet.
Andererseits ist der Markt kein statisches Gebilde. Trinkgewohnheiten verändern sich, neue Märkte entstehen, alte Märkte entwickeln sich weiter. Und als wäre das nicht schon kompliziert genug, ist Whisky längst kein schottisches Monopol mehr.
⏱️ Die eigentliche Wette läuft auf Zeit
Damit wird deutlich, warum die Situation komplizierter ist, als „zu viel Whisky“ zunächst vermuten lässt.
Die großen Hersteller schauen auf ihre heutigen Lagerbestände. Eine neue Destillerie schaut dagegen auf das Jahr 2032, 2035 oder 2040.
Beide treffen ihre Entscheidungen mit unvollständigen Informationen. Der eine weiß nicht genau, wie schnell sich seine Bestände verkaufen. Der andere weiß nicht, ob die Whiskytrinker in acht Jahren überhaupt noch genau den Whisky wollen, den er heute ins Fass legt.
Whiskyproduktion ist deshalb weniger eine Momentaufnahme als eine Wette auf die Zukunft.
Und wie bei jeder Wette gibt es leider keine Glaskugel. Nur Fässer.
🌱 Vielleicht ist genau das die Stärke der neuen Destillerien
Die neue Generation könnte deshalb einen entscheidenden Vorteil haben: Sie muss nicht zwangsläufig gegen die großen Mengen der etablierten Marken antreten.
Kleine Produktionsmengen, regionale Identität, ungewöhnliche Gerstensorten, eigene Hefestämme, alternative Fasskonzepte oder bewusst traditionelle Herstellungsverfahren können einen Whisky schaffen, der nicht nur über seinen Preis verkauft werden muss.
Das bedeutet aber nicht, dass jede neue Destillerie automatisch erfolgreich sein wird. Im Gegenteil: Die kommenden Jahre dürften zeigen, welche Projekte tatsächlich einen eigenen Platz im Markt finden.
Aber genau darin liegt der Reiz dieser neuen Whisky-Generation: Sie bringt nicht nur mehr Whisky hervor, sondern möglicherweise auch mehr unterschiedliche Ideen davon, was Whisky überhaupt sein kann.
🌊 Whisky Loch 2.0?
Ist das also der Beginn eines neuen Whisky Lochs?
Dafür ist es zu früh.
Die aktuelle Situation erinnert zwar an vergangene Überproduktionsphasen, aber die Rahmenbedingungen sind nicht identisch. Der heutige Whisky-Markt ist internationaler, vielfältiger und wesentlich stärker ausdifferenziert als in den 1980er Jahren.
Und vielleicht liegt genau darin der Unterschied: Damals produzierte man vor allem für einen erwarteten Massenmarkt. Heute entstehen daneben immer mehr kleine Destillerien, die ihren eigenen Weg suchen.
Ob diese Rechnung aufgeht, wissen wir in einigen Jahren.
Bis dahin gilt für Whiskyproduzenten wie für Whiskyfreunde: Geduld ist keine Tugend. Sie ist Teil des Produkts.
🥃 Die neue Generation
Und wer brennt da eigentlich alles?
Die Antwort ist erstaunlich lang.
Allein in den letzten 10 Jahren sind in Schottland zahlreiche neue
Malt-Destillerien entstanden – manche klein und unabhängig,
andere mit durchaus ambitionierten Produktionszielen.
Die folgende Übersicht orientiert sich am Beginn der Whiskyproduktion. Nicht am Jahr der Firmengründung, nicht an der Eröffnung des Besucherzentrums und auch nicht am Erscheinungsjahr des ersten Whiskys.
Das ist bei Whisky durchaus ein Unterschied.
Zwischen Wir bauen eine Destillerie
und Der erste Spirit läuft
durch die Brennblase
können schon einmal ein paar Jahre liegen.
Die Lager sind voll. Die Produktion wird gedrosselt. Und trotzdem werden neue Brennereien gebaut.
Es wird weniger produziert – und gleichzeitig mehr produziert.
Willkommen beim Whisky-Paradoxon.