💨 Octomore
Rauch, Regeln und die Kunst der gepflegten Verwirrung
Octomore ist Bruichladdichs Antwort auf die Frage: Wie viel Rauch verträgt ein Mensch?
Und die zweite Frage lautet: Wie viele Nummernsysteme verträgt derselbe Mensch?
Dieser Text erklärt beides – mit einem Hauch Ironie, aber ohne den Nebel, den manche Whiskyshops gern über die Fakten legen.
🔢 1. Alte vs. neue Nomenklatur – oder: Früher war alles einfacher
🏷️ 1.1 Das alte System: Release_PPM
Früher hieß ein Octomore zum Beispiel 2_140. Das war herrlich unkompliziert:
- 2 = Release 2
- 140 = 140 ppm, also
Rauchstärke: Bitte anschnallen
Ein System wie ein schottischer Bauernhof: robust, direkt und ohne Schnickschnack. Leider auch ohne jede Information darüber, wo die Gerste herkam oder in welchen Fässern sie ihr Leben verbrachte.
🆕 1.2 Das neue System: Release.X
Dann kam die Modernisierung. Und wie jede Modernisierung brachte sie ein Nummernsystem, das man erst versteht, wenn man es dreimal liest – und einmal trinkt.
Heute gilt:
- Release.1 – Mainland Barley, Bourbonfässer
- Release.2 – gleiche Gerste, andere Fässer (Wein, französische Eiche, Überraschungstüten)
- Release.3 – Islay Barley unterschiedlicher Farmen, also
Gerste mit Meerblick
- Release.4 – Experimente, die man nur mit einem gewissen Vertrauen in Bruichladdich öffnet
Die PPM-Zahl steht nun separat auf dem Etikett. Das ist gut, denn sonst wäre die Nummerierung inzwischen so lang wie eine IBAN.
🧭 2. Warum die Änderung stattfand – offiziell und inoffiziell
Offiziell: Bruichladdich wollte mehr Transparenz, mehr Terroir,
mehr Herkunft, mehr Wir wissen genau, welches Feld das war
.
Inoffiziell: Man wollte ein System, das komplex genug ist, um Whiskynerds glücklich zu machen,
aber nicht so komplex, dass man dafür einen eigenen Studiengang braucht.
Die reine PPM-Zahl war irgendwann zu wenig. Octomore ist schließlich nicht nur Rauch, sondern auch:
- Gerstenherkunft (Mainland vs. Islay)
- Fassprofile (Bourbon, Wein, französische Eiche, Experimentierfreude)
- Jahrgänge, Farmen, Reifezeiten
Kurz: Die alte Nomenklatur war ein Taschenmesser. Die neue ist ein Schweizer Taschenmesser.
🧩 3. Die Variabilität der Punktnummer – stabil im Konzept, wild im Inhalt
Die Punktnummer (.1, .2, .3, .4)
ist wie ein schottischer Wetterbericht:
Die Bedeutung bleibt gleich, aber was tatsächlich passiert, ist jedes Jahr anders.
3.1 Stabilität
- 🥃 .1 – schottische Gerste + überwiegend amerikanische Eiche
- 🍷 .2 – schottische Gerste + europäische Eichenfässer
- 🌾 .3 – 100 % Islay Barley / Single Estate / Single Vintage
- 🪵 .4 – Virgin Oak als charakteristisches Thema
ansonsten: Experimente, Überraschungen, gelegentlich Grenzerfahrungen
3.2 Variabilität
Was sich ändert:
- Farmen (bei
.3) - Fassarten (bei
.2und.4) - PPM-Werte (bei allen)
- Reifezeiten
Was sich nicht ändert: Die Tatsache, dass irgendjemand im Internet die Punktnummer trotzdem falsch erklärt.
⚠️ 4. Die beliebtesten Fehlerquellen – ein Best-of der Verwirrung
🚫 4.1 PPM = Punktnummer
Nein. Einfach nein. Die Punktnummer hat nichts mit PPM zu tun. PPM steht separat. Punkt.
🍷 4.2 .2 = Wine Finish
Manchmal ja. Manchmal nein.
.2 bedeutet: gleiche Gerste wie .1, andere Fässer.
Welche Fässer? Das entscheidet Bruichladdich nach Tagesform, Wetterlage und kosmischer
Strahlung.
Ein schönes Beispiel ist der Octomore 16.2:
Erstreifung: Oloroso und Bordeaux Fässer
Finish: Madeira und Moscatel Fässer
→ 4 unterschiedliche Fassarten, davon 2 Sherryfässer
💡
Merke:
Die .2 sagt dir nicht einfach „Weinfass“.
Sie sagt dir, dass du dich innerhalb der .2-Linie befindest –
die konkrete Fasszusammensetzung kann sich von Series zu Series ändern.
🌾 4.3 .3 ist nicht immer Islay Barley
Doch. Immer. Wenn jemand etwas anderes behauptet, hat er entweder schlecht recherchiert oder einen besonders kreativen Übersetzer erwischt.
🪵 4.4 .4 = Super-PPM
Das war früher manchmal so. Heute ist .4 eher:
Wir hatten da eine Idee, und wir waren mutig genug, sie umzusetzen.
🔄 4.5 Die Punktnummern ändern sich jedes Jahr
Nein. Nur die Inhalte dahinter. Das System bleibt stabil – die Welt drumherum nicht.
📋 4.6 Copy-&-Paste-Fehler
Der Klassiker: Blogs, Shops und Reviews übernehmen nur allzu gerne Texte voneinander.
Ein Shop schreibt etwas halbwegs Richtiges, der nächste kopiert es,
ein dritter übersetzt es schlecht – und plötzlich weiß jeder
, dass .4
eine ausgewachsene PPM-Bombe sein muss …
Oder das bekannte Stille-Post-Syndrom:
aus: "dieser .4 war ne tierische PPM-Bombe"
wird: ".4 ist ne PPM-Bombe"
und irgendwann heißt es: "alle .4 sind PPM-Bomben!"
Zack. Aus einer Beschreibung wird eine Regel.
📅 5. Wie oft erscheint ein neues Release?
Octomore erscheint ungefähr einmal pro Jahr – zuverlässig wie ein schottischer Regen. Meist kommen:
- 2–4 Varianten pro Series
- gelegentlich Sondereditionen
Wer Octomore sammelt, braucht also keinen Terminkalender – nur ein gut gefülltes Whiskybudget.
🔮 6. Glaskugel: Was könnte das neue .4 bringen?
.4 ist die experimentelle Ecke. Die Spielwiese. Der Ort, an dem Bruichladdich sagt:
Wir probieren das jetzt einfach.
Mögliche Überraschungen:
- Fasskombinationen, die klingen wie ein Menü: Bourbon + Rum + Wein + französische Eiche
- Terroir-Experimente mit Gerste von Feldern, die man nur mit Gummistiefeln erreicht
- Konzept-Whiskys, die beweisen, dass Octomore auch ohne 150+ ppm spannend sein kann
- Reifezeit-Experimente – von
jung und wild
bisalt und weise
Kurz: .4 bleibt die Abfüllung, bei der man sich fragt:
Was haben die denn diesmal angestellt?
Und genau deshalb lieben wir sie.
🥃 7. Schlusswort
Octomore ist ein Whisky, der nicht nur raucht, sondern auch denkt. Die Nummerierung ist komplex, aber logisch – und die Missverständnisse sind zahlreich, aber meist menschlich. Wer das System einmal verstanden hat, liest Octomore wie ein Buch. Ein sehr rauchiges Buch. Mit leicht angekokelten Seiten.